Stimmen aus dem Heidekreis – 2021

Das Projekt „Stimmen aus dem Heidekreis“ 

Dialektale Vielfalt auf kleinem Raum – autobiografische Erzählungen aus der Lüneburger Heide 
  
Ein Merkmal der niederdeutschen Sprache ist ihre große dialektale Vielfalt. Dies lässt sich bereits in einem kleinen geographischen Raum wie der Lüneburger Heide anschaulich darstellen, zudem ist der Übergang zwischen der ostfälischen und der nordniedersächsische Sprachlandschaft zu beobachten. 
Die Aufnahmen entstammen der Aktion „Tondokumente“ des „Forum Plattdüütsch Heidekreis“. Die überwiegende Mehrzahl wurde in den Jahren 2015 und 2016 aufgezeichnet. 
 
Inhalt der Tondokumente sind Interviews aus verschiedensten Orten des Heidekreises. Die interviewten Personen stehen als kompetente Plattsprecher stellvertretend für die dialektale Qualität und Vielfalt vor Ort. Die Auswahl der Personen lag in der Hand des „Forum Plattdüütsch Heidekreis“. Um ein möglichst ortstypisches Platt zu dokumentieren, wurden insbesondere Sprecher ausgewählt, die zur Zeit der Aufnahmen über 60 Jahre alt waren.  

In unserem Projekt ist der Umgang mit den vorliegenden Quellen von strukturell-sprachlichem, sprachhistorischem, sprachdokumentatorischem Interesse geprägt. Es geht bei der Dokumentation und Verwendung der Quellen im Rahmen des PLATO Archives nicht um ein inhaltlich-historisches Interesse. Zentrales Element des Projektes stellt die Transliteration, hochdeutsche Übersetzung sowie in Auszügen die phonetische Transkription der Aufnahmen dar. 

Die Vorgabe bei der Erhebung der Quellen war seinerzeit, in niederdeutscher Sprache aus dem eigenen Leben zu erzählen. Die Erzählmotivation der Befragten galt primär die Verwendung der Sprache, dabei wurde auch eine autobiographische Auskunft gegeben. 
Bei der Beschäftigung und der Dokumentation, Aufbereitung der Daten ist den Bearbeitern die Diskrepanz zwischen subjektiver Erinnerung und historischen Fakten stark aufgefallen. Dies Bedarf in der weiteren Beschäftigung mit den Quellen einer kritischen Analyse.  
Die Interviewer führten die Personen so gut wie gar nicht, es ist also davon auszugehen, dass sich hier alltagssprachlich und alltagshistorisch relevante Zeitzeugenberichte finden, zumal die Verwendung der Nahsprache eine zusätzliche vertrauensbildende Basis bietet. Die Erinnerungen der Quellen spiegeln inhaltlich ihre individuelle Sicht auf geschichtliche Ereignisse und deren Einordnung und Bewertung wider. Auslassungen sind dabei ebenso bedeutsam, wie das Erzählte. Die Aussagen sind als historische Quelle äußerst aufmerksam vor dem Hintergrund geschichtlicher Fakten zu prüfen.  

Wenn die Quellen als nun zukünftiger Bestandteil des PLATO Tonarchives hier in erster Linie sprachdokumentarisch verwendet werden sollen, so besteht darüber hinaus, ob der seinerzeit gewählten Form und des Inhalts des Projektes im Heidekreis, auch eine mögliche Verwendung der Interviews im Rahmen historischer und/oder volkskundlicher Fragestellungen. 
Auch wenn an dieser Stelle das biographische Interview verwendet wird, so erfolgt dies nicht als Methode zur hermeneutischen Erkenntnisgewinnung. Im PLATO Projekt findet sich die reine Dokumentation der Quellen unter sprachlichen Gesichtspunkten. Im Bereich der Verwendung der Daten in der Geschichtswissenschaft oder Volkskunde müssen die Daten unter anderen Gesichtspunkten überprüft, hinterfragt und interpretiert werden. 

Das Bewusstsein der Brisanz und der Spannung zwischen Erinnertem und Fakten findet sich grundsätzlich in beiden Disziplinen wieder, die sich wissenschaftlich mit der Auswertung und Analyse biographischer Interviews beschäftigen.